Zu viele Eindrücke, zu wenig Pause: Was Yoga verändern kann
Kontakt Manchmal ist es gar nicht ein einzelnes Ereignis, das uns stresst. Es ist einfach alles zusammen.
In der Schwangerschaft kann sich das eigene Körpergefühl ziemlich verändern. Was sich vor ein paar Wochen noch gut angefühlt hat, ist plötzlich unangenehm. Eine Übung, die gestern leicht war, fühlt sich heute anstrengend an. Und manchmal ist man einfach müde und hat keine Lust auf eine anspruchsvolle Yogastunde.
Das kann irritieren – gerade dann, wenn man vorher gerne sportlich aktiv war oder eine regelmäßige Yogapraxis hatte. Vielleicht kennst du auch den Gedanken: Warum fühlt sich das heute so anders an? Die kurze Antwort ist: Weil dein Körper gerade unglaublich viel verändert.
In der Schwangerschaft kann es passieren, dass du auf einmal merkst: Das, was bisher gut funktioniert hat, fühlt sich nicht mehr richtig an. Vielleicht warst du vor der Schwangerschaft regelmäßig auf der Matte und hast bestimmte Haltungen gerne gemacht. Und irgendwann ist da dieser Bauch, der im Weg ist. Oder eine Bewegung fühlt sich plötzlich unangenehm an, obwohl sie früher überhaupt kein Problem war. Das kann erst einmal ungewohnt sein. Gerade wenn du deinen Körper bisher gut gekannt hast, möchtest du vielleicht trotzdem so weitermachen wie vorher. Aber dein Körper ist gerade nicht derselbe wie vor ein paar Monaten. Das ist nichts, gegen das du anarbeiten musst.
Auch deine Yogapraxis darf sich verändern.
Vielleicht brauchst du mehr Pausen als früher. Vielleicht tut dir eine Haltung heute gut und morgen überhaupt nicht. Und manchmal ist die beste Entscheidung, eine Übung einfach auszulassen, ohne lange darüber nachzudenken. Für mich gehört genau das zu Yoga in der Schwangerschaft: nicht zu versuchen, den Körper in eine bestimmte Form zu bringen, sondern wahrzunehmen, was gerade möglich ist und was sich gut anfühlt. Dabei geht es nicht darum, jede Bewegung besonders vorsichtig oder klein zu machen. Es geht vielmehr darum, den eigenen Körper ernst zu nehmen. Auch dann, wenn er heute etwas anderes braucht als letzte Woche.
Und vielleicht ist die Frage „Was tut mir heute gut?“ in dieser Zeit viel hilfreicher als „Was sollte ich eigentlich noch können?“
Es gibt viele schöne Seiten an einer Schwangerschaft. Aber nicht jede körperliche Veränderung fühlt sich automatisch schön oder vertraut an. Der Bauch wird größer. Das Gleichgewicht verändert sich. Bewegungen werden irgendwann umständlicher. Manche Frauen fühlen sich unglaublich wohl in ihrem neuen Körper, andere brauchen Zeit, um sich daran zu gewöhnen. Beides ist völlig in Ordnung. Auch beim Yoga kann das sichtbar werden.
Eine Haltung, die früher selbstverständlich war, funktioniert plötzlich nicht mehr auf dieselbe Weise. Vielleicht brauchst du einen Block, eine Decke oder einfach etwas mehr Platz. Vielleicht merkst du, dass du lieber etwas aufrechter sitzt oder eine Position früher verlässt. Das bedeutet nicht, dass du „schlechter“ geworden bist. Dein Körper hat sich verändert. Und Yoga darf darauf reagieren.
Was ich bei diesem Thema wichtig finde: Eine Schwangerschaft findet nicht nur auf der Yogamatte statt. Du bist vielleicht morgens schon mit dem ersten Kind beschäftigt, gehst anschließend arbeiten, sitzt in Meetings, erledigst Einkäufe und hast abends eigentlich noch den Haushalt vor dir. Vielleicht bist du längst müde, bevor du überhaupt auf der Matte ankommst. Schwanger zu sein bedeutet nicht automatisch, dass der Alltag langsamer wird. Und genau deshalb kann eine Yogastunde manchmal etwas anderes sein als Sport. Vielleicht brauchst du Bewegung, weil dein Rücken nach einem langen Tag verspannt ist. Vielleicht möchtest du einmal nicht funktionieren müssen. Oder du stellst erst in der Stunde fest, wie müde du eigentlich bist. Das Schöne daran ist: Du musst vorher nicht genau wissen, was du brauchst. Du kannst ankommen und erst einmal schauen.
Ich glaube, dass wir gerade beim Sport schnell in dieses Denken kommen: Wenn ich schon etwas mache, sollte es sich auch lohnen. Eine Yogastunde darf aber auch einmal weniger intensiv sein.
An einem Tag möchtest du dich kräftigen und bewegen. An einem anderen Tag bist du froh, wenn du dich in Ruhe durch ein paar Haltungen bewegst und zwischendurch eine Pause machst. Beides kann eine gute Yogastunde sein. Gerade in der Schwangerschaft finde ich es deshalb wichtig, nicht ständig mit dem eigenen Körper von vor der Schwangerschaft zu vergleichen. Du musst nicht beweisen, dass du noch genauso beweglich, kräftig oder belastbar bist. Es ist eine andere Zeit.
Natürlich verändert sich die Yogapraxis nicht nur von Tag zu Tag, sondern häufig auch mit dem Verlauf der Schwangerschaft.
Im ersten Trimester ist für manche Frauen vor allem die Müdigkeit ein Thema. Andere fühlen sich zunächst noch ziemlich wie vorher. Später wird der Bauch immer stärker zum Teil der eigenen Körperwahrnehmung und manche Bewegungen brauchen mehr Raum. Auch das Gleichgewicht kann sich verändern. Dinge, die lange selbstverständlich waren, fühlen sich plötzlich anders an. Deshalb gibt es beim Yoga in der Schwangerschaft auch nicht die eine perfekte Übungsauswahl, die für alle Frauen und die gesamte Schwangerschaft funktioniert. Was sinnvoll ist, hängt immer auch davon ab, wie du dich fühlst, in welcher Phase der Schwangerschaft du bist und ob es medizinische Besonderheiten gibt.
Bei einer unkomplizierten Schwangerschaft ist Bewegung grundsätzlich empfehlenswert. Bei Beschwerden oder Unsicherheiten sollte individuell mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt bzw. der Hebamme geklärt werden, was geeignet ist.
Vielleicht ist das einer der Gedanken, den du aus deiner Schwangerschaft mitnehmen kannst: Du musst nicht immer mehr machen, um etwas für dich zu tun.
Manchmal reicht es, eine Weile bewusst zu atmen. Den Rücken zu bewegen. Die Beine zu kräftigen. Eine Position zu verändern, weil sie gerade angenehmer ist. Oder einfach für einen Moment liegen zu bleiben und nichts leisten zu müssen. Yoga kann dir dabei helfen, wieder ein bisschen besser wahrzunehmen, was dein Körper dir eigentlich sagen möchte. Und vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage auf der Matte manchmal ganz schlicht:
Was tut mir heute gut?
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Sabrina Öttl, Yogalehrerin und Gründerin von yogaherz. Yoga für Menschen und Teams, die ihre innere Stabilität stärken, Stress reduzieren und bewusster im Alltag ankommen möchten.